Donnerstag, 26. April 2018

HAPPY YOU - HAPPY ME

Seit über einem Jahr sind wir wieder in Berlin.
Hanoi ist ganz weit weg. Und trotzdem immer da.

An kalten Wintermorgenden würde ich mich immer noch am liebsten auf die Vespa schwingen, zur Xuan Dieu fahren und dort auf einem kleinen blauen Hocker am Straßenrand sitzen und mit Stäbchen die Nudeln aus der heißen Pho Bo fischen. 

Auch die vielen wunderbaren Kurztrips ans Meer oder "mal schnell nach Thailand" fehlen uns sehr.

Die tierischen Gäste - Kakerlaken in der Küche und Fledermäuse unterm Dach - schon weniger. Aber die Erinnerung an das damit verbundene Grauen (nachzulesen hier) ist längst verblasst.

Was bleibt, ist diese kleine Sehnsucht nach einem Land, das uns bis zu Abreise immer noch sehr fremd - und dennoch Heimat war.

Und dann ist da wie aus dem Nichts diese Mail im Postfach:

Hello Natascha,

Following up the money you gave me at Service Learning Office last year, stating that it should go to Peace Village, I would like to update on the progress.

I finally bought a TV for them as they asked for a bigger one in the common room.

Please see some photos in the attachment.

Thank you very much for your support!

Best Regards,

Bien Thuy Nguyen (Mr.)
Community Service Liaison Officer

Und plötzlich ist Hanoi wieder ganz nah:



Der letzte Schultag vor unserer Abreise, als Luis stolz beim Büro für "Service Learning" klopfte, um einen Umschlag abzugeben.

Darin das Geld, das ich in den Wochen zuvor mit Fotos "verdient" hatte, die ich in der Schule gemacht hatte.

Über den Blog hatte ich die Bilder von Swim Events gepostet, aber wer die Datei haben wollte, musste diesmal zahlen -  was viele stolze Eltern freudig taten. Dann waren da noch die Sportlehrer, die Aufnahmen für ihre Bewerbungen brauchten - und natürlich der Abi-Ball im Hotel Interconti...

In kurzer Zeit waren immerhin fast 10.000.000 Vietnamesische Dong zusammengekommen und für die hatte ich mir einen ganz bestimmten Empfänger ausgesucht: 

Die Jugendlichen vom Peace Village.

Menschen mit körperlichen und/oder geistigen Behinderungen, die in dieser Einrichtung lebten, weil ihre Familien sie nicht betreuen können oder wollen und die im Rahmen eines Schulprojekts regelmäßig in die UNIS Schule kamen, um dort mit Schülern der Highschool Sport zu treiben oder einfach auf den riesigen Grünflächen zu spielen.

Auf einer dieser Rasenflächen war ich der Gruppe ein paar Wochen zuvor zufällig begegnet, als ich vom Schwimmtraining kam und ganz spontan war mit eine Idee gekommen, wie ich das, was mir in den drei Jahren in Hanoi so unendlich viel Freude bereitet hatte - das Fotografieren - endlich zu etwas Sinnvollem nutzen konnte.

Das Ergebnis flimmerte vor mir auf dem Bildschirm.

Mr. Bien hatte einen Fernseher für den Gemeinschaftsraum gekauft - und im Namen von Carlotta und Luis übergeben.




Und so ist mir am Ende unserer Zeit in Vietnam etwas ganz Wunderbares gelungen:

Etwas von dem Glück, das ich beim Fotografieren empfinde, an andere weiterzugeben.

Ein schöneres - und kitschigeres - Ende für diesen Blog hätte ich mir selbst nicht ausdenken können.


Donnerstag, 15. September 2016

ES WIRD HÖCHSTE ZEIT...

Der letzte Morgen ist gekommen.

Über dem West Lake braut sich ein Gewitter zusammen. Der Himmel ist schwarz.

Passt gut zu unserer Stimmung.

Schweigsam sitzen wir vier am Frühstückstisch im Interconti.

Und löffeln Pho.




Diese Wundersuppe, die in den vergangenen drei Jahren auch den dunkelsten Tag aufzuhellen vermochte, will heute einfach nicht helfen.

"Ich bin soooo traurig", murmelt Luis und schiebt den Teller mit den Croissants weit von sich.

"Ich will hier bleiben! Auf der UNIS. Bei meinen Freunden!" motzt Lotta. Und auch ihr ist der Appetit vor lauter Abschiedsschmerz vergangen.

Ich kann es den beiden gut nachempfinden: Schließlich habe ich selbst auch lange damit gehadert, dass unsere Zeit in Vietnam vorbei ist und die Rückkehr nach Deutschland bevorsteht.

Allerdings habe ich in der vergangenen Nacht mal etwas in meinem Handy gestöbert.

Und was ich dabei entdeckt habe, hat mich meine negative Einstellung zu unserem Abschied etwas überdenken lassen.

Vielleicht ist es doch ganz gut, dass wir JETZT gehen? Vielleicht ist es sogar HÖCHSTE ZEIT, dass wir Hanoi verlassen?

Wenn man das Ganze mal rational betrachtet? Und sich diese Bilder anschaut?

Fakt ist, dass unsere elfjährige Tochter schon jetzt nur noch Chula im Kopf hat.



Na gut, damit könnte man vielleicht noch leben...

Schließlich stehen ihr die Klamotten auch unglaublich gut:




Aber Luis? Der muss wirklich dringend zurück in seinen originären Kulturkreis! 

Vermutlich ist es seiner mangelnden Lebenserfahrung zuzuschreiben, dass er die alte Regel

"When you are in Vietnam, 
do as the Vietnamese do" 

in letzter Zeit doch sehr wörtlich genommen hat ...

Einkaufen gehen wollte in letzter Zeit immer so. Ob zum Bäcker, ... 



... zum Metzger ...



... oder in den Supermarkt.



Obwohl - damit hätte ich vermutlich noch leben können. Zumindest solange er dabei seinen Helm trägt.

Aber dann war da noch diese andere Sache...

Vor ein paar Wochen entdecke ich auf Luis' Schreibtisch diesen Brief:



Und konnte nicht widerstehen.

Ich öffnete ihn und las:




Natürlich habe ich den Brief danach sofort wieder zusammengefaltet. Und selbstverständlich habe ich Luis nie darauf angesprochen.

Heiße Suppe (Pho Bo) zum Frühstück? 
Kein Problem.

Einkaufen im Schlafanzug?
Meinetwegen.

Aber den Nachbarjungen ausspionieren?
Das geht zu weit!

Ortsüblichkeit hin oder her.




Sonntag, 4. September 2016

THE LAST SUNSET

Man kann rational mit einer Versetzung und dem damit einhergehenden Umzug von Hanoi nach Berlin umgehen. 

Man kann sich aber auch im Abschiedsschmerz suhlen.
Und es sich und der Familie so schwer wie möglich machen.



Zum Beispiel, indem man an seinem letzten Abend in Hanoi auf einen Drink ins Sofitel geht.


Und noch einmal auf das schaut, was einem ab dem nächsten Tag schrecklich fehlen wird.





Der Sonnenuntergang über dem West Lake zum Beispiel.




   
   
     
    






Es gibt Situationen, die sind so traurig - die kann man sich nicht schöntrinken.






Samstag, 3. September 2016

SAVE THE LAST DANCE FOR ME

Dance like no one is watching.
Live like you'll never be hurt.
Sing like no one is listening.
Live like it's heaven on earth.




























Vietnam als "heaven on earth" zu bezeichnen, mag etwas übertrieben sein. 

Aber als Lotta und ich auf unserer letzten morgendlichen Fahrt auf der Vespa durch die Stadt Abschied von Hanoi nehmen und sehen, mit welcher Lebensfreude Minh in den Tag startet, haben wir dennoch ein wenig das Gefühl, aus dem Paradies vertrieben zu werden.


Freitag, 2. September 2016

IM DREIVIERTEL TAKT

Morgens um 6 (der wievielte Beitrag ist das eigentlich, der mit diesen Worten beginnt?) auf dem Lenin Platz. Direkt gegenüber von der Botschaft.

Man trifft sich. Bei jedem Wetter. Rechts und links braust der Verkehr.

Und tanzt. Walzer, Foxtrott, Salsa...

    
   

   
    
    
    
     
Kann man den Tag besser beginnen?


    



Sonntag, 28. August 2016

THE LAST BUN CHA

Bún Cha, Bánh Mì, Pho Bo und Pho Gà, Bún Rieu, Bún Mám, Bún Moc, Com Tàm Ba Ghien - man könnte diese Liste endlos fortsetzen. 

Was hatten wir uns auf das vietnamesische Essen gefreut!


Das sah im Streetfood Bildband, den meine Schwester uns vor dem Umzug nach Hanoi geschenkt hatte, ja auch alles unglaublich lecker aus.

In der Realität war es dann für unseren Geschmack meist doch etwas zu viel "Street" und arg fragliches "Food", was da zwischen die Stäbchen oder auf die Löffel kam.


Die Hühner, die um die Bretter schlichen, auf denen gerade das Fleisch gehackt wurde. Oder die Motorräder, die direkt daneben parkten. Katzen, die neugierig über den Topfrand schauten und weit und breit kein Wasserhahn zu sehen, unter dem die Essstäbchen mal hätten gespült werden können. Von all dem war in den Kochbüchern nie etwas zu sehen gewesen...

Fast immer roch es verlockend, aber das Wissen darum, dass in Vietnam nichts verschwendet wird und ALLES - wirklich ALLES - im Kochtopf landet, ließ uns häufig zurückschrecken.

Einfach mal zu fragen, was da in der Suppe schwamm, scheiterte an der Sprachbarriere. Schade eigentlich.


Aber die Male, in denen wir das Wagnis eingingen, war es das Risiko wert. Und richtig lecker.

Deswegen gehört zu unserer Abschiedsrunde auch ein letztes Mal "Bun Cha" auf der Xuan Dieu:

       
   

Allerdings: ne gebratene Ente vietnamesische Art, die so gut schmeckte wie die in Friedrichshain haben wir nie gefunden...