Montag, 3. Februar 2014

JUGENDKRIMINALITÄT



Der Seehofer hat doch recht. 

Ich verstehe gar nicht, warum so wenige Menschen bei uns das begreifen. Und auch an dem Argument mit dem Migrationshintergrund ist was dran. Aber das will ja auch niemand hören.

Vermutlich fehlt denen allen - anders als mir -  der Blick über den Tellerrand hinaus. Das Kosmopolitische. Die globalisierte Sicht auf die Dinge eben.


Ich hatte nämlich diesbezüglich in Doc Let sehr einschneidende Erlebnisse.


Am dritten Tag unseres Aufenthaltes hatte ich mit meiner Mutter eine kleine Fototour gemacht. Links aus dem Resort raus, ein paar hundert Meter durch die Felder, dann gelangte man zunächst in ein kleines Fischerdorf. Obwohl: Fischer haben wir dort eigentlich nie gesehen. Es war also eigentlich nur ein kleines Dorf. 

Dahinter lagen Salzfelder – und dort hatte ich mich ein wenig mit der Kamera „ausgetobt“. Was nicht so ganz leicht war, denn zur Zeit gab es auf den Feldern weder Salz noch Salzwasser. Dafür aber viele freundliche Arbeiter, die uns nett zugewunken hatten.


Für den Rückweg wählten wir die Abkürzung am Strand entlang. Am sehr einsamen Strand, sollte ich wohl dazusagen.


Und wie wir da so lang gingen, bemerkten wir sie plötzlich: eine Gruppe junger Männer, die uns zuvor schon im Dorf aufgefallen war und die nun – nur etwas zwanzig Meter vor uns – aus den Dünen heraus auf den Strand traten. Und sie taten auch gar nicht erst so, als würden sie uns nicht bemerken, sondern stellten sich uns recht unverhohlen genau in den Weg.


Jetzt gibt es sicher Strände auf der Welt, bei denen man zunächst damit rechnen würde, die jungen Männer hätten eine Schwäche für ausländische Damen gesetzten Alters, die ohne Herrenbegleitung unterwegs sind, aber diese Art von Tourismus ist in Vietnam derzeit noch weitestgehend unbekannt.


Das hieß nun aber nicht, dass ich entspannt weitermarschierte, denn um meinen Hals baumelte das durchschnittliche (Mindest-) Jahreseinkommen eines vietnamesischen Doppelverdienerhaushaltes (wofür ich selbst allerdings auch ziemlich lange hatte sparen müssen)...


Und genau darauf zeigte nun die vietnamesische Dorfgang und grinste mich frech an.


Klar! Die wollten, dass ich sie fotografiere! Ich zeigte auf die Kamera, machte einen Geste, dass sie sich nebeneinander aufstellen sollten und knipste dann los.



War das ein Spaß - die Jungs posten und ich zeigte ihnen die Fotos auf dem Display der Kamera.


Sie jauchzten vor Vergnügen. Und zogen dann wieder zurück ins Dorf, nicht ohne sich vorher freundlich bedankt und verabschiedet zu haben.


Lachend zogen meine Mutter und ich weiter und erreichten kurz danach das Hotel. Wo uns dann das Lachen sehr schnell verging.



Es war mittlerweile Zeit, zum Abendessen zu gehen. Schnell in die Bungalows und frisch gemacht und dann – stand er plötzlich vor mir.


Zuckersüßes Lächeln, aber ein EISKALTER Blick, der mich schaudern ließ. Und da schleuderte er mir auch schon entgegen:


„Nee, ich ziehe mich nicht an! Auf KEINEN Fall. NUR WENN ICH MIT DEINEM HANDY SPIELEN DARF. GANZ LANGE.“



Das ist kein Kinderstreich. Das ist Erpressung. Eiskalte Erpressung.


Und wer noch einen Beweis brauchte, der hat ihn nun:

Minderjährig. 


Migrationshintergrund.

Beide Elternteile ohne Kenntnisse der Landessprache. Und das, obwohl sie schon seit einem halben Jahr hier leben.

Und die Assimilierungsbemühungen der Großeltern – doch eher ein Witz...





Wie gesagt. Der Seehofer hat ja so recht.

Samstag, 1. Februar 2014

FENG SHUI



Wir verbringen die Weihnachtstage in einem kleinen Resort am Strand. „Some days of silence“ – der Name ist Programm. 



Nur acht hübsche kleine Häuser, weitläufig verteilt in einem wunderschön angelegten Garten. Jeden Morgen werden in den unzähligen Vasen und Becken die Blüten ausgetauscht.

 

Neben einem kleinen Tempel, der als Ausstellungsraum für die Kunstwerke der ehemaligen Besitzerin dient (einer Vietnamesin mit großem Talent fürs Abstrakte), gibt es auch einen Meditationsbereich.

Die Mahlzeiten werden an einem langen, aus Beton gegossenen Tisch mit Blick aufs Meer eingenommen. Gemeinsam mit den anderen Gästen. Aber mit gerade so viel Abstand zwischen den Gruppen, dass man dennoch „unter sich“ ist.


Es gibt kein à la carte-Essen, stattdessen stark ayurvedisch geprägte „gesunde Kost“, die zu unserer großen Überraschung nicht nur satt macht, sondern auch noch schmeckt.

Von unserem Bungalow aus haben wir freie Sicht auf das südchinesische Meer – oder wie die Vietnamesen es lieber nennen: das Ostmeer.

Meine Eltern wohnen im Gartenbungalow. Der heißt nicht nur so, sondern hat auch einen – einen eigenen Garten mit Hängematten, einem ebenfalls aus Beton gegossenen langen Tisch mit einer Sammlung alter Keramik darauf und vielen Blumen.


Wenn man nach dem Aufwachen nach draußen tritt, sieht man im Morgenlicht unzählige kleine blaue Fischerboote, die voll beladen auf dem Rückweg zum Strand sind.

Meinen Eltern gefällt es gut (uns sowieso), lediglich „‘nen bisschen viel Feng Shui“ meinen sie.


Aber das ist alles nebensächlich, gibt es ihn doch tatsächlich - einen echten Weihnachtsbaum:

Donnerstag, 2. Januar 2014

GEHEIMREZEPT



Gestern haben wir Post bekommen. Unsere Freunde aus Berlin haben ein Paket geschickt. Darin: Weihnachtsgeschenke und ein selbstgebackener Stollen. 

Das hat uns etwas gewundert. 


Wir kannten Olivia bisher nur als die weltbeste Bäckerin von Kinder-Geburtstagstorten.


Heute haben wir den Stollen gegessen. Besser müsste es wohl heißen verkostet: Wir haben keine Mühen und Kosten gescheut und sogar einen gebürtigen Sachsen als Sachverständigen hinzugezogen. Der hat in seinem Leben vermutlich mehr Stollen gegessen, als ein Vietnamese Reis.


(Der Umstand, dass meine Eltern sowieso gerade zu Besuch sind, hat die Kosten einigermaßen im Rahmen gehalten.)


Und so ist es uns gelungen, endlich das größte aller Weihnachtsrätsel zu lösen. DIE Frage, die die Menschen überall auf der Welt wohl seit Beginn der christlichen Zeitrechnung beschäftigt haben dürfte: 

WAS  IST EIN PERFEKTER STOLLEN? 
  
        1. Er ist mit Liebe gebacken.
         2. Es wurde weder an Butter noch an Zucker noch an Rosinen gespart.
         3. Er gibt einem das Gefühl, dass Weihnachten da und Berlin ganz nah ist.



Ihr Schmallis,

Liebe geht durch den Magen. Freundschaft auch.

Danke.


Montag, 23. Dezember 2013

WEISSE WEIHNACHT


Wir haben das Problem "WEISSE WEIHNACHT" diesmal sehr pragmatisch gelöst. Statt in Berlin, Hanoi oder anderswo vergeblich auf Schnee zu warten, sind wir an den weissen Strand von Doc Let gefahren.

  Geht doch :-)




Samstag, 21. Dezember 2013

AUSSER RAND UND BAND

Lange war die vietnamesische Hauptstadt verschont geblieben. Seit Mitte Dezember ist es nun auch hier so weit:
Europäische Rentnerbanden machen die Straßen Hanois unsicher.

Mit Kinder-Fahrradhelmen ausgerüstet, brausen sie auf ihren hochmotorisierten Zweirädern durch die Straßen. Für die Bemühungen der hiesigen Polizeiorgane, ihrer habhaft zu werden, haben sie nur ein lautes Lachen übrig.
Nun gelang der Verkehrspolizei möglicherweise der entscheidende Schlag: Nach einem tagelangen Blitzmarathon in der Innenstadt gelang es endlich - ausgerechnet in der kleinen Gasse vor unserem Haus! - ein Radarfoto von der Bande zu schießen.
Die Behörden veröffentlichten ein Phantombild der Motorradrowdys. Sie setzten zudem eine Belohnung von 100 Dong aus und hoffen nun auf zahlreiche Hinweise aus der Bevölkerung.




Richtig: meine Eltern sind endlich da! 
Und es gibt in unserem Familienalbum ein fast identisches Foto von vor 40 Jahren. Die Maschine ist natürlich ein neueres Model, aber die beiden darauf haben sich kaum verändert...
Ihr Lachen auch nicht.



ALARMSTUFE ROT

Nach fast vier Monaten in Hanoi war es Zeit, einmal Zwischenbilanz über unsere bisherigen Freizeitaktivitäten zu ziehen. Entsetzt stellten wir fest, dass der kulturelle Aspekt dabei bisher reichlich kurz gekommen war! Und das in einer Stadt wie Hanoi: voller Pagoden, Militärmuseen und Literaturtempeln...

Wir beschlossen, umgehend Abhilfe zu schaffen  und Felix besorgte noch für den gleichen Abend Eintrittskarten für die ganze Familie. Für das Fußball-Länder-Spiel Vietnam gegen Usbekistan. Asia Cup.
 


Dass wir alles richtig gemacht hatten, wurde uns gleich bei der Ankunft an der Austragungsstätte klar: zu Klängen von Tschaikowsky betraten wir das Stadion.

  
Zum Glück reichte die Zeit noch, um vor dem Spiel im Foyer des Stadions stilvoll einen kleinen Aperitiv einzunehmen. Bier - sehr hübsch in mit Tesafilm verschlossenen Tüten - natürlich mit farblich passendem Strohhalm.
 


So erfrischt gingen wir auf unsere Plätze und kamen gerade noch rechtzeitig, um die "Show" der vietnamesischen Ultras auf der Tribüne gegenüber mitzuerleben. 

Ein bengalisches Feuer ist nichts dagegen - dieses Feuerwerk hatte eine Sprühkraft wie wir sie noch in keinem deutschen Stadion erlebt haben!

Lärm und Rauchmenge entsprachen in etwa einem Tischfeuerwerk, wie sie bei uns an Silvester während des Fondues manchmal gezündet werden, um den Kindern die Wartezeit zu verkürzen....




Und so waren wir auch nicht weiter verwundert, dass sich die zahlreichen anwesenden vietnamesischen Ordnungshüter nicht auf Seiten der Ultras, sondern direkt vor uns platzierten.

Zu unserer Beruhigung stellten wir fest, dass die Security während des gesamten Spiels  JEDEN Zuschauer und potentiellen Chaoten fest im Blick hatte.


JEDEN.


Wirklich jeden.


Und so hatten die Anhänger der Gastmannschaft leichtes Spiel. Während die einheimischen Zuschauer vollkommen verschüchtert, vor allem aber mucksmäuschenstill das Spiel verfolgten, kannten die usbekischen Fans keine Zurückhaltung.

Laut grölten sie durch das Stadion und schnell schwand auch dem tapfersten Vietnam-Fan der Mut, seine Mannschaft anzufeuern.


a
  
Schnell übertrug sich diese Stimmung auf das Spielgeschehen. Die Gastmannschaft wurde von den selbstbewusst losstürmenden Gegnern geradezu überrannt. Szenen, die stark an ein fiktives Match der A- gegen die E-Jugend eines Fußballklubs erinnerten, spielten sich ab.



Natürlich blieb diese Ungerechtigkeit  Lotta und Luis nicht verborgen. Und sie zögerten auch nicht lange, sondern ergriffen mutig die Initiative - bereit, alles zu geben, um das Spiel noch einmal herumzureißen!



 
Ohne Rücksicht auf die gestrengen Blicke der Staatsdiener legten sie los und feuerten die vietnamesische Mannschaft lautstark und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln an!


c


Und es dauerte nicht lange (siehe rechts im Bild), bis ihre Begeisterung auf das vietnamesische Publikum überschwappte und dieses nun auch begann, die Mannschaft lautstark anzufeuern.
Philipp zumindest hielt es nicht mehr auf seinem Sitz...




Und es dauerte nicht lange, da zeigte sich auf dem Spielfeld, dass noch "alles drin" war, denn - aufgeputscht durch den Jubel der Fans - besann sich nun die vietnamesische Mannschaft auf ihre Stärken und stürmte los!


Selbst die Sicherheitskräfte bekamen mit, dass sich da eine Sensation abzeichnete und riskierten einen Blick über die Schulter.



Doch es sollte einfach nicht sein: Gerade als der vietnamesische Sturm zu seiner vollen Stärke anschwoll, beendete ein böses Foul alle Hoffnungen.

Es erwischte den wichtigen Spieler der Heimmannschaft, er brach bewusstlos zusammen und nach einigen hilflosen Bemühungen seiner Kameraden, brauste sogar eine Ambulanz auf den Platz.
  
a



Gebannt starrten alle auf die Menschenansammlung, die sich da um den Krankenwagen herum gebildet hatte, als endlich Luis, der Jüngste von uns und offenbar auch der mit den besten Augen, die erlösende Nachricht verkündete: "Er lebt noch! Er hat sich bewegt!"





Und so nahmen wir das enttäuschende Endergebnis letztendlich doch erleichtert auf, hätte es doch schließlich viel schlimmer kommen können...

Bevor wir das Stadion verlassen konnten, wollten sich jedoch die vietnamesischen Fans noch bei ihren Unterstützern bedanken und so hieß es erst mal: Fototermin!



Als wir im sanften Licht der Scheinwerfer das Gelände verließen, stand unser Entschluss fest: wir machen jetzt öfter "in Kultur" - und besorgen uns so bald wie möglich eine Jahreskarte fürs Stadion...