Montag, 30. Juni 2014

DIE WELT IN HÄNDEN

„Augen auf bei der Berufswahl!“ - diesen Ratschlag kann man seinen Kindern gar nicht eindringlich genug vermitteln.

Nirgendwo sonst - außer im Bett - verbringen wir so viel Zeit wie an unserem Arbeitsplatz. Und es ist ganz gleich, wie oft wir uns sagen, dass die „eigentlich wichtigen Dinge des Lebens“ ganz andere  sind: das Lachen unserer Kinder, wenn ein neugieriger Hund ihre Füße beschnuppert; die gemeinsame Freude auf das Wochenende zu zweit in Venedig; das Tanzen bis die Füße weh tun auf der Party unserer FreundeFreunde* zu deren 40. Geburtstag… 

Wenn wir ehrlich sind, legt sich über diese wirklich wichtigen Dinge viel zu oft ein kleiner Schatten. 

Der von der Arbeitskollegin, die einen aus unerfindlichen Gründen nur an jedem dritten Tag zurückgrüßt, der von den Aktenbergen auf dem Schreibtisch, die wachsen, obwohl man doch pausenlos schuftet und nicht einmal mehr weiß, wo die Kantine ist, weil man seit Wochen keine Mittagspause mehr hatte, oder der von der Frage, ob man dem großen Ziel - einer ausgeglichenen „Work Life Balance" - irgendwann in den 30 Jahren bis zu Rente doch noch einmal näher kommen wird.

Um so wichtiger also, dass man seine Berufswahl grundsätzlich nicht in Frage stellen muss und daran zweifelt oder gar verzweifelt. Und ein Grund mehr, diese Wahl mit viel Bedacht zu treffen.

Ein Rat, den ich persönlich mir nach dem Schulabschluss gerne zu Herzen genommen hätte, wenn nicht die Entscheidung über mein eigenes - berufliches - Schicksal schon viel früher gefallen wäre.

Dabei gehöre ich nicht zu den Arztkindern, die zum dritten Geburtstag bereits ein echtes Stethoskop geschenkt bekommen und 15 Jahre später gar nicht anders können, als sich für den Studienzweig Medizin zu entscheiden. Und ich gehöre auch nicht zu den Landwirtskindern, denen bei der ersten Treckerfahrt mit einer ausschweifenden Armbewegung über die Felder vom Vater gesagt wurde: „Und eines Tages wird all das Dir gehören!" 
Und ich gehöre auch nicht zu den Amtskindern, denen ein Reisepass mit vielen bunten Stempeln und ein großer Koffer als Symbol für das zukünftige Leben als weltenbummelnde Diplomaten in die Wiege gelegt wurde.

Es war ein wenig später.

Zu meinem sechsten Geburtstag bekam ich von meinem Patenonkel Eberhard und seiner Frau Gisela einen Globus geschenkt. 

Da stand ich, nur etwas mehr als einen Meter groß - und hielt die Welt in Händen. 

Zugegebenermaßen anfangs etwas ratlos. 

Aber auch neugierig.

Das besondere an diesem Globus war seine „Leuchtfunktion“: Man konnte eine kleine Lampe im Inneren einschalten und dann zeigten sich auf der Oberfläche nicht mehr die Staatsgrenzen, sondern die topographischen Strukturen der Kontinente und der Ozeane - Berge, Wüsten, Meerestiefen. Mit meiner Schwester verbrachte ich Stunden vor dem Globus. Warum ist Russland so groß? Und Luxemburg so klein? Warum sieht Afrika aus wie eine Pferdekopf, wie groß ist der Atlantik und warum ist Deutschland grün? Und wieviel von dieser Welt würde ich einmal „in echt“ sehen?

An diesem Tag ahnte niemand von uns, wie weit dieser Globus es einmal bringen würde. Dass er mich vom Elternhaus in Schwalbach erst nach Bonn und von dort nach Norwegen und Italien begleiten würde. Dass er danach auf einem Regal in Bosnien und anschließend auf einem Schreibtisch in Spanien stehen würde. Dass er dann wieder in einem Karton nach Berlin reisen und Platz auf meinem Fensterbrett finden würde. Dass er dort bliebe, während ich ohne ihn nach Afghanistan reisen würde, um zwei Jahre später gemeinsam mit mir nach Argentinien zu ziehen. Dass es von dort wieder zurück nach Berlin und im letzten Sommer nach Hanoi ginge. 

Das hätte damals niemand gedacht.

Das Leben mit einem Beruf wie unserem ist nicht immer leicht. Zu oft muss man Abschied nehmen, zu oft ganz von vorne beginnen.

Und während Freundinnen diesem Job „durch Eheschließung entflohen“ sind, habe ich selbst diese Chance nicht genutzt - und einen Kollegen geheiratet. Doch nach zwanzig Jahren (Berufs- nicht Eheleben**) kann ich sagen: zum Glück! 

Denn die Chance, so viele Länder richtig kennenlernen zu dürfen, einzutauchen in andere Welten und sich selbst immer wieder beweisen zu können, dass man es eigentlich überall schaffen kann - das ist ein großes Glück. Und trotz aller damit einhergehender Belastungen und immer mal wieder auftauchender Zweifel ein riesiges Geschenk.

Womit wir wieder bei meinem Patenonkel wären.

Als ich Onkel Eberhard das letzte Mal traf, war er von seiner Krebserkrankung schon sehr gezeichnet. Er konnte nur noch mit Hilfe eines kleinen Apparats sprechen. 

Ich habe ihm das mit dem Globus erzählt. Und dass sein Geschenk damals vielleicht doch irgendwie der Auslöser für meine spätere Berufswahl war. Eine, mit der ich nach so vielen Jahren und vielen - sicher nicht nur schönen - Erfahrungen völlig im Reinen bin und die ich nicht bedauere.
Und dass wir auch als Familie dieses spannende Leben genießen, weil es uns zusammenwachsen lässt.

Ich glaube, das hat ihn gefreut. Er hat auf seine so typische Art verschmitzt gelächelt.

Und so werde ich ihn in Erinnerung behalten.



*Es gibt Freunde. Und es gibt FreundeFreunde. Es handelt sich hier nicht um einen Schreibfehler.


** Sechs Jahre Ehe sind natürlich auch ein großes Glück.

Sonntag, 15. Juni 2014

IM REGEN

Das kann jedem mal passieren. Dass er im Regen stehen gelassen wird.

Wobei es da natürlich feine Unterschiede gibt - zum Beispiel hinsichtlich der Stärke des Regens. Das KANN ein leichter Frühlingsschauer sein, das KANN aber auch ein subtropischer Platzregen zu Beginn eines Sturms sein.

Eines aber ist unstreitig:

So wie ICH am letzten Wochenende, ist vermutlich noch NIE jemand im Regen stehen gelassen worden.

Vor 10 Tagen gab es einen Sturm in Hanoi. Wir sind nachts ein paar Mal aufgewacht, weil der Regen so gegen die Fenster prasselte, haben ansonsten aber nicht viel davon mitbekommen.

Erst am nächsten Morgen offenbarte sich, was wirklich los gewesen war: 

Überall auf den Straßen lagen abgebrochene Äste und Palmblätter. Die massiven Bauzäune am West Lake waren umgekippt. Einfach so. 
Unzählige Bäume am Uferweg waren umgeknickt, ihre Wurzeln ragten in die Luft. 
Am Ostufer des Sees war ein kleiner Altar aufgebaut: Ein paar Kajakfahrer waren trotz des Unwetters hinausgefahren und zwei davon hatten es nicht mehr zurück ans Ufer geschafft und waren ertrunken.
Am Mausoleum war ein riesiger Baum umgefallen. Auf ein Taxi. Fahrer tot.

Keine Frage, die Regensaison hat begonnen. Und mit Ihr die Zeit der Stürme.

Am Samstag feierte eine argentinische Freundin ihren Abschied von Hanoi. Felix war zu einem Abendessen eingeladen, ich fand keinen Babysitter, Luis hatte an den Tagen zuvor gekränkelt. Die Kinder allein zu Hause zu lassen, kam daher nicht in Betracht. Also setzten wir uns zu dritt aufs Moped und düsten rasch zum "Kitchen", einem kleinen Restaurant in Tay Ho.

Offenbar war ich mit meinen Kinderbetreuungs-Schwierigkeiten nicht die Einzige, denn nach und nach tauchten auch alle anderen Abschiedsgäste mit ihren Kindern auf. 
Da Natalia das gesamte obere Stockwerk reserviert hatte, war das gar kein Problem. In der einen Ecke spielten die Kinder, in der anderen schwelgten die Erwachsenen in Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse im vergangenen Jahr: Wie Felix - im "Messi-Trikot" - am argentinischen Stand auf der Spring Fair in Rekordzeit alle Grillwürstchen verkauft hatte, wie Natalia uns ihr Geheimrezept für Empanadas de Tucumán verraten hatte und nebenbei ihre Küchengeräte vor dem Umzug verscherbelte, wie wir alle auf der Fiesta Latina "Hola Hanoi" getanzt hatten, bis uns die Füße wehtaten.

In all dem Trubel verflog die Zeit und wir schreckten auf, als es plötzlich donnerte: Draußen prasselte der Regen und die Palmen vor dem "Kitchen" bogen sich im Wind.

Ein Blick auf die Uhr - höchste Zeit, die Kinder ins Bett zu bringen. Fragte sich bei dem Wetter nur - wie?

Der Plan, die Vespa stehen zu lassen und zu Fuß nach Hause zu gehen, war schnell verworfen.

Die Kinder durch das Wasser laufen zu lassen, das schon jetzt an einigen Stellen knöchelhoch stand? Bei Platzregen und starkem Wind? Ich musste an den Taxifahrer denken...

Da kamen uns zwei Freundinnen zur Hilfe. Dunia und Nikki hatten sich ein Taxi bestellt, das sie und ihre Kinder sicher nach Ciputra bringen sollte. Schnell stand der Plan: Lotta und Luis steigen mit ins Taxi und der Fahrer fährt erst zu uns nach Hause und danach nach Ciputra.  
Und ich auf der Vespa hinterher.

Die wenigen Meter bis zum Taxi reichten, um alle tüchtig nass zu machen, schließlich aber saßen die 6 - wenn auch etwas beengt - im Wagen und ich versicherte Lotta und Luis, dass wir uns gleich vor unserem Haus treffen würden.

Letzte Frage an Nikki und Dunia: "Ihr wisst doch noch, wo wir wohnen? Und könnt dem Taxifahrer den Weg beschreiben?" 
Betretenes Schweigen. "Äh, nein. Keine Ahnung."

Also andersrum: Ich erkläre dem Taxifahrer, dass er den Wagen wenden und dann mir hinterherfahren soll. "Okay okay!", lächelt er. Es scheint, er habe mich verstanden.

Der Regen prasselt auf den Helm und in mein Gesicht, während ich dem Auto hinterherschaue, das zur nächsten Kreuzung - gleichzeitig die nächste Wendemöglichkeit - fährt. 

Macht nichts. Nasser kann ich nicht werden. Nur das Wasser, das um meine Füße fließt, ist ziemlich kalt...

Ich starre den Rücklichtern des Taxis hinterher, sehe, dass er den Blinker setzt und - abbiegt! WENDEN sollte er! Dieser Trottel. 

Ich zögere noch kurz, aber dann wird mir klar, dass da hinten soeben das Taxi in der Dunkelheit verschwunden ist, in dem meine Kinder sitzen. Mit zwei Frauen, die nicht wissen, wo wir wohnen. Und von denen die eine mein Handy an sich genommen hat, um es vor dem Regen zu schützen.

"Sch....!" Ich fluche, wende nun meinerseits die Vespa und düse - so schnell das eben im tiefen Wasser geht - dem Taxi hinterher.

Es donnert, der Regen scheint noch stärker zu werden. 

An welcher Stelle in der To Ngoc Van Street war nochmal das fiese Schlagloch? Wer weiß, was hier alles gerade die Straße herunterfließt? Wenn der Motor der Vespa absäuft? Kann man das reparieren? Wenn die Kinder merken, dass ich "weg" bin? 

In dem Moment sehe ich, dass das Taxi an der Ecke zur Lane 67 anhält, weil ihm ein Wagen entgegenkommt. Das ist meine Chance! Ich gebe nochmal Gas und schaffe es, das Auto zu erreichen, bevor es wieder losfährt. 
Klopfe kräftig gegen das Seitenfenster des Fahrers. Zeige auf mich und signalisiere dann, dass er mir folgen soll.

Diesmal hat er tatsächlich verstanden und fährt brav hinter mir her.

Die ganz Situation ist irgendwie surreal. Es donnert. Meine Vespa pflügt durch das auf der Straße stehende Wasser. Der Regen prasselt, es ist unglaublich laut. Ein Auto kommt mir entgegen. Die Bugwelle, die es vor sich herschiebt, schwappt über meine Füße.

Schließlich stehen wir vor unserem Tor, ich stelle das Moped schnell ab, schließe das Tor auf und flitze zum Taxi, das tatsächlich stehen geblieben ist.

Schnell hole ich die Kinder aus dem Auto, ein in die Luft geworfener Kuss an Nikki und Dunia. Und schon stürzen wir ins Haus und schütteln uns erst einmal.

Lotta starrt mich an. "Boah, Mama, Du bist ja total nass. Wie geduscht! Da müssen wir schnell ein Foto von machen!"



Die Kinder haben es wohl doch ganz entspannt genommen.

Und offenbar ist Lotta mir NOCH ähnlicher, als ich bisher dachte....:-)




Freitag, 13. Juni 2014

WILD BOYS

Es gibt Dinge, die man in Vietnam tunlichst vermeiden sollte:

  • Leitungswasser zu trinken - wegen des erhöhten Arsengehalts.
  • Ohne Helm Motorrad zu fahren - da kann jede Fahrt die letzte sein.
  • In Straßenrestaurants zu essen, in denen nirgendwo ein Wasserhahn zu sehen ist, dafür aber zahllose Katzen, die um die Spülschüsseln streichen...
  • Oder Kampfhundbesitzern zu sagen, sie mögen doch bitte mal still sitzen bleiben. Weil doch das Licht gerade so schön auf ihre Tätowierungen und das Fell ihres Hundes scheint und man ein Foto davon machen möchte...

Obwohl - bei letzterem habe ich neulich mal eine Ausnahme gemacht:




 
 

Es wäre übertrieben zu sagen, dass ich dort gestern Freundschaften fürs Leben geschlossen habe. So wie die zwischen diesen Jungs und ihren Hunden...


Aber es war mal wieder einer der Momente, der zeigte, dass in Vietnam nie etwas ist, wie es auf den ersten Blick scheint. 


Gewalt und Aggressivität gibt es auch hier, aber nicht unbedingt dort, wo wir es vermuten würden... 


Dafür aber ein schüchternes Lächeln und ein freundliches Winken zum Abschied dann, wenn wir es am wenigsten erwarten...






Sonntag, 1. Juni 2014

DURCH DICK UND DÜNN

Reisfelder. Wunderschön. So leuchtend.

   
So unglaublich grün.



Und so - matschig.


Der Lehmboden ist schwer und nass. 


Knietief stehen die Reisbauern im Schlamm...

 
... und graben das Feld um.


Ja, das ist keine Fotomontage: hier sind tatsächlich zwei ARBEITENDE vietnamesische Männer zu sehen, die offensichtlich zudem auch noch die Kinderbetreuung übernommen haben! Eine Aufnahme mit absolutem Seltenheitswert:


Die jungen Reispflanzen sprießen leuchtend grün aus dem matschigbraunen Wasser...


Glücklich, wer diese Arbeit nicht alleine bewältigen muss, sondern jemanden hat, der ihm hilft. 


Einen Wasserbüffel zum Beispiel.


Oder gar zwei.


Hauptsache, nicht mehr allein auf dem Feld.


Ein Wasserbüffel ersetzt bei der harten Arbeit locker drei Männer ....


... und noch mehr Kinder...


Ein guter Büffel kostet ca. 1000 Dollar. Das ist bei einem Durchschnittseinkommen auf dem Land von monatlich nicht einmal 100 Dollar ein ganz schöner Batzen.

Sein Wert misst sich nicht nur daran, dass er stark und gesund ist, sondern auch ob er gut abgerichtet ist und folgsam die Kommandos "rechts, links, vorwärt, Stop" befolgt.

Hat eine Familie es geschafft und nennt einen Wasserbüffel ihr Eigen, dann ist das eine unglaubliche Errungenschaft. Dann wird der Büffel gehegt und gepflegt.

Obwohl die Unterkünfte der Menschen in den Hilltribe-Dörfern alles andere als großzügig sind, überwintert der Büffel natürlich im Haus der Familie und da heißt es dann tatsächlich:
Platz findet sich in der kleinsten Hütte...

Einen Vorteil hat der tierische Mitbewohner jedoch: Nur für die menschlichen Bewohner würde man die Hütte nicht wärmen, um aber den Büffel vor einem Schnupfen zu bewahren, wird dann doch der eine odere andere Scheit mehr auf das Feuer gelegt.
Und so müffelt es vielleicht etwas nach Büffel, aber dafür ist das Haus gut geheizt... damit der Bulle nicht friert.

Und damit man im nächsten Frühjahr nicht wieder alleine aufs Feld muss.




 

Sondern gemeinsam durch dick und dünn geht...











Mittwoch, 14. Mai 2014

HEIDI

"Heidi, Heeeeeidi, Deine Welt sind die Beeeeeerge..." *

Die meisten werden sich noch an den Titelsong dieser Kinderserie aus den 70ern erinnern.

Kaum jemand aber weiß, dass ich mit der Protagonistin ein trauriges Schicksal teile.

Wir beide mussten im zarten Alter von 8 Jahren nach Frankfurt ziehen. Sie verließ dafür die herrlichen Schweizer Alpen, ich meinen geliebten Ruhrpott. 

Noch dramatischer als dieses Kindheitstrauma ist allerdings der Widerspruch zwischen der herrlichen Kindheit in den Bergen im Film und dem wenig romantischen Leben der Kinder in den Bergen Nordvietnams.

Heiße Sommer, kalte Winter, feuchter Nebel das ganze Jahr über. Die Hütten, an denen wir vorbeiwandern, haben wenig von einem Schweizer Chalet. Reis gibt es täglich, (vitamin- oder proteinhaltige) Beilagen nicht immer. 

Schulen sind vorhanden. 



Aber wie lange die Kinder sie besuchen dürfen, entscheiden die Eltern, besser gesagt, deren Portemonnaie. Nicht jede Familie kann es sich leisten, auf eine (kindliche) Arbeitskraft zu verzichten.
 


Und nicht immer können sich die Mütter selbst um ihre Kinder kümmern.


So gibt es dennoch eine Gemeinsamkeit mit Heidi: Auch hier passen häufig die Großeltern auf die Kinder auf, weil die Väter auf den Feldern sind und die Mütter den Touristen folgen, um ihre Waren zu verkaufen.



Wo es keine Großeltern gibt, da übernehmen die älteren Geschwister die Betreuung.



Und wenn die auch nicht da sind  - an dieser Stelle wird allen Helikoptereltern ein kalter Schauer über den Rücken laufen - dann bleiben die Kinder eben sich selbst überlassen.





Was soll schon passieren?




Und wenn man Glück hat, dann ist man sowieso nie allein. Denn dann hat man eine beste Freundin...


 ... oder eine Schwester.


Das weiß jeder, der eine hat.





*An dieser Stelle Parallelen zu singenden SPD-Bundestagsabgeordneten zu ziehen, ist vollkommen unangebracht. Ich wollte lediglich einen "schmissigen" Einstieg in diesen Blog-Beitrag.


Dienstag, 13. Mai 2014

SO NAH. SO FERN.

Lächelnd stehen sie vor mir. 
 



Lotta und Little Chi.

Die eine 9, die andere 19 Jahre alt.

Beide könnten meine Tochter sein. Und - soviel Ehrlichkeit muss sein - ich wäre damit nicht in einer RTL-Reality-Serie über Teenagermütter gelandet...



Lotta geht auf die United Nations School in Hanoi und auch wenn sie immer noch steif und fest behauptet, ihre Berliner Schule (die in dem Altbau, für den seit Jahren das Geld für die neue Farbe fehlt), sei "1000 mal schöner gewesen", wissen wir doch, dass sie ihre neue Schule mit Schwimmhalle, Art Center, wunderschöner Bibliothek und hochmotivierten Lehrern mittlerweile auch sehr mag.

Little Chi gehört zum Volk der Schwarzen Hmong. Sie hat vier Geschwister, zwei Schwestern und zwei Brüder. Als sie 8 war, haben ihre Eltern sie von der Schule genommen, obwohl sie sehr gerne dorthin gegangen ist. Aber sie sollte zu Hause helfen, auf die jüngeren Kinder aufpassen, das Haus putzen, Stoff mit Indigo färben und mit bunten Fäden besticken für die farbenfrohe Tracht der Hmong-Frauen. 




Zu Lottas Geburt haben wir ein Sparkonto für ihre Ausbildung angelegt. "Fürs Studium", hieß es zuerst, dann haben wir uns rasch verbessert : "oder für die Autowerkstatt". Schließlich möchten wir keinen unnötigen akademischen Druck aufbauen und ziehen durchaus in Betracht, dass Lotta eher was Praktisches lernen möchte. Und Chefin eines Autowerkstattimperiums, das wär' doch auch was...

Seit drei Jahren arbeitet Little Chi als Guide bei den "Sa Pa Sisters". Ihre Eltern haben dieser Tätigkeit zugestimmt. Geholfen hat dabei, dass Chis verheiratete ältere Schwester und ihre ältere Cousine auch dort arbeiten.
"Sa Pa Sisters" - das ist eine Trekkingagentur in Sa Pa, die Hmongfrauen gehört. Ausschließlich weibliche Angehörige dieser ethnischen Gruppe arbeiten dort und müssen nicht wie die anderen Frauen der Bergstämme bettelnd den Touristen hinterherlaufen, um ihnen die immergleichen - oft maschinengefertigten - Bändchen und Täschchen anzudrehen.

Die "Sa Pa Sisters" gehen vorweg. Und führen die Touristen auf ein- oder mehrtägigen Touren durch die wunderschöne Bergwelt im Norden Vietnams. Durch Reisfelder und Bambuswälder, auf schmalen Pfaden und bisweilen entlang steiler Hänge. Die meisten von ihnen tragen weiße Badelatschen und belächeln die professionelle Trekkingausrüstung Ihrer Kunden sanft.

Eine gut ausgelastete Guide verdient im Monat weit mehr als den in Vietnam üblichen Durchschnittslohn und der dürfte in den Bergen von Sa Pa noch erheblich niedriger liegen.

Die Hmong haben eine eigene Sprache und Vietnamesisch zu lernen ist für sie genauso mühsam wie für uns.

Englisch hat Little Chi nicht in der Schule, sondern allein von den Touristen gelernt. Und anders als die zahlreichen Hotelangestellten und Kellner, denen wir sonst in Vietnam begegnet sind, hat sie nicht nur eine sehr gute Aussprache, sondern auch noch einen enormen Wortschatz.
 
Sie ist schüchtern, aber wann immer wir sie etwas fragen, lächelt sie freundlich, dann erklärt sie und erzählt uns von dieser so fremden Welt um uns herum. 

 
Sollte Lotta sich in einigen Jahren (wenn Sie das Studium absolviert, bzw. ihr Autowerkstatt-Imperium aufgebaut hat) dann eines Tages doch dazu entscheiden, einen der zahlreichen Prinzen zu erhören, die in den nächsten Jahren vor unserer Tür Schlange stehen werden, werden wir ihr einfach nur wünschen, dass ihre Hochzeit eine genauso tolle Party wird wie unsere damals. 

Little Chi soll in einigen Tagen heiraten. Sie kennt den jungen Mann nicht, ihre Eltern haben ihn für sie ausgesucht. Er ist eigentlich in ein anderes Mädchen verliebt, aber seine Eltern haben dennoch entschieden, dass es Little Chi sein soll. Ein dreifaches Monatsgehalt werden sie den Brauteltern zahlen und sobald das erst einmal übergeben ist, haben sie das Recht, Little Chi notfalls auch mit Gewalt in ihr Dorf zu holen. Bezahlt ist schließlich bezahlt...

Little Chi hat versucht, ihre Eltern zu überreden, ihr noch etwas Zeit zu geben. Sie möchte gerne weiter arbeiten und Geld verdienen und wer weiß, ob ihr Bräutigam und dessen Eltern das erlauben werden. Ihre Eltern haben das kategorisch abgelehnt. Und sie haben auch nicht verstanden, was Chi überhaupt wollte.

Sie hat ihre ältere Schwester um Hilfe gebeten, aber auch die hat ihr klar gemacht, dass sie besser jetzt zugreifen sollte. Immerhin sei sie schon 19 und würde mit den Jahren immer schwerer "vermittelbar".

Little Chi findet es nicht unnatürlich, dass ihre Eltern einen Mann für sie ausgesucht haben. Sie hätte nur noch gerne etwas Aufschub. Und sie findet es auch für ihren Bräutigam so schade, dass er sich von dem Mädchen trennen soll, das er liebt, um nun Little Chi zu heiraten.

Andererseits möchte sie später nicht als unverheiratete alte Frau ihren Geschwistern auf der Tasche liegen. Die Frau ihres Bruders habe auch schon signalisiert, dass sie nicht beabsichtige, Little Chi später "durchzufüttern", nur weil die sich jetzt querstelle.

Eine Flucht nach Hanoi? Theoretisch möglich, aber die Gefahr, dass ein junges Mädchen aus den Bergen in einer Großstadt wie dieser unter die Räder kommt, ist hoch. Und selbst wenn sie hier zur Schule ginge oder sogar eine Ausbildung machen könnte - sie hat schreckliche Angst davor, dass ihre Familie sie dann verstößt und auch davor , dass sich niemand um sie kümmert, wenn sie dann mal eine alte Frau ist. Die gleiche Angst, die ihre Cousine hat, die mit 30 ein "hoffnungsloser Fall" ist und ihr ebenfalls dringend rät, bloss nicht aufzubegehren. 

Verheiratet zu werden mag schlimm sein, aber ohne Familie zu sein, das ist für ein Hmongmädchen vielleicht noch schlimmer. 





Manchmal hätte ich gerne 2 Töchter.


 



Montag, 12. Mai 2014

KENNEN SIE IHR KIND?

Da meint man, man kenne seine eigenen Kinder...

Ein Trekkingausflug gehört in Sa Pa zum Pflichtprogramm. Und so buchten wir eine geführte Tagestour durch die Reisfelder.

Eine Tagestour? Mit Lotta und Luis? War das nicht etwas gewagt?

Ja das war es. Einen ganztägigen Wanderausflug zu planen, mit Kindern, die in Hanoi schon jammern, wenn sie zu Fuß zum nur 200 m entfernten Minimarket gehen sollen? Kindern, die beim Bummel in der Altstadt nach spätestens 10 Minuten mit Krokodilstränen in den Augen fragen, wann sie es überstanden hätten und ENDLICH wieder nach Hause könnten?

So sahen Felix und ich unserem Ausflug denn auch eher mit gemischten Gefühlen entgegen...

Unsere Guide Little Chi -  eine Angehörige der Schwarzen Hmong - holte uns morgens um 9.00 am Hotel ab.  
 

Auf dem Weg durch das Städtchen schlossen sich uns dann noch Sang an  ...


...und Toan mit ihrer kleinen Tochter. 

 
Beide ebenfalls Schwarze Hmong und beide in der Hoffnung, dass wir ihnen am Ende der Wanderung etwas von ihrem Handarbeitssortiment abkaufen würden. (Was wir natürlich auch taten. Mit der Folge, dass wir nun überlegen, selber einen Souvenirladen zu eröffnen...)

Noch ein kurzer Zwischenstop auf dem Markt - Toan kaufte schnell noch etwas Proviant, von dem sie uns großzügig anbot - und schon marschierte unsere kleine Reisegesellschaft los.







Zuerst liefen wir eine Landstraße entlang. Dicht gefolgt von anderen Trekkinggruppen.


Denen war es - anders als uns - nicht gelungen, den Riesenpulk verkaufswütiger Damen abzuschütteln, der ihnen in Sa Pa aufgelauert hatte, so dass bei den meisten Gruppen auf einen westlichen Wanderer schnell mal drei Begleitdamen mit Verkaufsabsichten kamen...


All das ließen wir aber zum Glück schnell hinter uns, denn schon bald wurden wir zum ersten Mal gefragt: "You want the easy way or the other way?"



"The other way", entschieden wir tollkühn an jeder der folgenden Weggabelungen. Wählten damit immer wieder den schwierigeren, längeren, steileren Weg - und befanden uns bald allein auf der Strecke.



Was dann folgte, hatten wir nicht erwartet. Die erste Überraschung:



Jedesmal wenn wir um eine Ecke bogen, aus einem Bambuswald heraustraten oder eine kleine Anhöhe erklommen, bot sich uns eine neue atemberaubende Aussicht auf Reisfelder und Hügel.





Im Laufe des Tages folge die zweite Überraschung: Unsere Kinder.


Die marschieren begeistert bergauf und bergab, über schmale Pfade, wackelige Bambusbrücken und glitschige Steine in Wildbächen.



Ganz selten gab es eine Verschnaufpause. Und dann versorgten uns unsere drei netten Reisebegleiterinnen ...



 ... mit frisch gepflückten Beeren:

 

Auf halber Strecke gab es einen kurzen Stop in einem kleinen Dorf.


Für jeden ein Teller gebratener Reis. Doch lange wollten wir uns dort nicht aufhalten. Uns zog es weiter!


Gab es doch unterwegs so viel zu sehen und zu lernen:

Zum Beispiel, wie unglaublich grün junge Reispflanzen sind...


...oder wie junger Bambus aussieht, der angeblich am besten als Salat schmeckt, ...



...wie man aus Farnblättern wunderschöne Blumenkronen bastelt ...



 ... wie man Vögel von den Feldern vertreibt...

 
... oder wie man Enten...



... platzsparend transportiert...


... oder Entenfutter herbeischafft .



Viel zu schnell verging die Zeit und nach 8 Stunden und 16 Kilometern hatten wir das Ziel erreicht und wurden mit einem Bus wieder zurück nach Sapa gebracht.


Und da gab es dann doch noch lautes Gemecker von den Kindern: 

"Das ist GEMEIN! Wir wollen noch nicht nach Hause. Nie darf man mal wandern!"


Und dieses Gemecker, das hörten wir richtig gerne...