Ich persönlich mache mir ja nicht mehr viel aus Schmuck. Alle Stücke, die mir etwas bedeutet haben, sind bei dem
Einbruch in unsere Berliner Wohnung vor ein paar Jahren gestohlen worden.
An einige denke ich noch heute fast täglich und
trauere ihnen hinterher. Da war zum
Beispiel der Ring, den Felix mir zu Lottas Geburt geschenkt hatte - den wollte ich ihr zum 18. Geburtstag schenken...
Kitschig, aber - Mütter eben.
Seitdem investiere ich nur noch in Modeschmuck oder
Freundschaftsbändchen.
Na gut, die Rolex, die die Kinder mir auf der letzten Reise nach Hoi An
geschenkt haben, trage ich natürlich schon. Aber um ehrlich zu sein: Ich habe den Verdacht,
dass das gar keine echte Rolex ist. Sonst hätte nämlich das Taschengeld der
beiden gar nicht gereicht.
Aber das müssen die zwei
ja nie erfahren...
Eine kleine Schwäche habe ich dennoch: Perlen.
Die haben mich schon als Kind fasziniert. Wie aus etwas so Unscheinbarem wie einer Auster etwas so Zauberhaftes wie eine Perle
kommen kann...
Weiß, ebenmäßig, nicht zu groß und nicht zu klein, vor allem
aber ECHT sollte sie sein, die PERFEKTE PERLE.
Und so scheitern regelmäßig alle Verkaufsversuche hochmotivierter
Juwelierangestellte auch an diesem kleinen Restzweifel: "Ist die Perle auch echt?"
Nun aber los in die Ha Long Bay...
Die Tour führte uns durch ein „Floating Village“, ein
schwimmendes Dorf, vollkommen versteckt in einer Bucht gelegen.
Umgeben von steilen Felsen, windgeschützt und
farbenfroh, aber – auf den ersten Blick erkennbar - ohne jeden Komfort für
seine Bewohner.
Von unserem Schiff wurden wir zu einem kleinen Anleger
gebracht und stiegen dort in ein kleines Ruderboot, mit dem uns eine zierliche Frau durch die ganze Bucht ruderte.
Vorbei an den Hausbooten und einer
Mini-Schule für die Kinder des Village.
Und an Kähnen mit großen Lampen – mit deren Hilfe werden nachts die Tintenfische gelockt.
Am Ende der Tour kamen wir zu einem kleinen – natürlich
ebenfalls schwimmenden – Perlengeschäft, umgeben von Austernfeldern.
Anders als bei deutschen Kaffeefahrten gab es hier jedoch
keinerlei Kaufdruck oder gar -zwang.
Heizdecken konnte ich auch nirgendwo entdecken.
Stattdessen führte uns der Guide zu einem überdachten Eckchen auf dem
schwimmenden Floß, wo ein junger Mann und eine junge Frau hochkonzentriert an
einem Tisch saßen, vor sich ein Tablett mit Austern, in den Händen eine
Pinzette, bzw. ein Skalpell.
Der junge Mann nahm eine der vor ihm liegenden Austern. Er
klemmte sie in eine Vorrichtung und stemmte sie dann an einer Seite nur ein
paar Millimeter auf. Mit einem Skalpell schnitt er eine kleine Öffnung in den
Magen der Auster.
(Ich muss an dieser Stelle gestehen, dass ich bis zu diesem
Zeitpunkt noch nicht einmal wusste, dass Austern einen Magen haben. Den
schmeckt man allerdings auch nicht raus, wenn man so wie ich immer extrem viel
Zitrone draufträufelt…)
Dann griff er mit der Pinzette in ein vor ihm stehendes
Schälchen, in dem kleine Kugeln lagen und legte unendlich vorsichtig eine der
Kugeln in den geöffneten Austernmagen..
Die junge Frau neben ihm reichte ihm ein kleines Stück Masse,
das sie zuvor einer vor ihr liegenden geöffneten Auster entnommen hatte.
„Das Stück Bauchlappen der bereits geernteten Auster hilft,
die Wunde im Magen der anderen Auster zu verschließen“, erklärte unser Guide.
Der junge Mann nahm den kleinen „Lappen“, steckte ihn
ebenfalls unendlich vorsichtig in die Auster und schloss diese dann wieder ganz
behutsam.
Wir hielten den Atem an. Ähnlich beeindruckt dürften die
Menschen gewesen sein, die vor 40 Jahren der ersten Herz-OP von Professor
Barnard bewohnen durften.
„Wir machen nun eine Zeitreise“, sagte unser Guide. „Es sind
viele Monate vergangen und die Austern werden nun geöffnet, um zu sehen, ob der
Eingriff erfolgreich war und eine Perle entstanden ist. Nur in etwa 30 Prozent
der Austern wachsen überhaupt Perlen heran – bei allen anderen bleibt es beim
Versuch!“
Der junge Mann stemmte die Auster auf und zerteilte dann mit
einem Skalpell die darin befindliche Masse.
Und da lag sie: weiß,
ebenmäßig, nicht zu groß und nicht zu klein und – da war ich mir sicher – vollkommen
echt. DIE PERFEKTE PERLE.
Dr. Nguyen und ich wurden uns schnell handelseinig. Und fünf
Minuten später hielt ich DIE Perle hübsch verpackt in einem Kästchen in meinen
Händen.
Ich werde sie in einen Ring fassen lassen. Und ihn Lotta zu ihrem 18. Geburtstag schenken.
Kitschig, aber - Mütter eben…
*Nguyen ist der mit Abstand häufigste Nachname in Vietnam. Er
ist hier in etwa so häufig wie bei uns die Namen Schmidt, Schmitz, Schmitt,
Bauer, Müller und Meyer/Meier/Mayer/Maier zusammen. Auch ohne dass ich den
Austerndoktor nach seinem Namen gefragt habe, liege ich also mit der Vermutung,
er heiße Dr. Nguyen, höchstwahrscheinlich richtig.