Donnerstag, 23. April 2015

TERMINSACHE


Die Vietnamesen werden wegen ihrer Pünktlichkeit häufig als die "Preußen Asiens" bezeichnet.
Sie reagieren auf dieses Kompliment meist mit einem verlegenen Lächeln.
Dachten wir. In Wirklichkeit lachen sie uns aus.


Im Februar 2011 beschloss die vietnamesische Regierung, ein neues Terminal am Flughafen Noi Baa in Hanoi zu bauen.

Am 2. April 2012 um 10.00 Uhr begannen die Bauarbeiten.

Am gleichen Tag versandte die vietnamesische Regierung die Einladungskarten für die feierliche Eröffnung, die knapp drei Jahre später, am 4. Januar 2015, vormittags um 10.00 Uhr stattfinden sollte.

Am 4. Januar 2015 fand vormittags um 10.00 Uhr die feierliche Einweihung des neuen Flughafenterminals statt.

Die Bilder dieser Veranstaltung waren weltweit zu sehen - auch in Berlin. Und es verwundert wohl kaum, dass sie die Verantwortlichen für den Bau des Berliner Flughafens auf den Plan riefen.

Die konnten nicht glauben, dass es nicht nur möglich sein sollte, einen funktionsfähigen Flughafen fertig zu stellen, sondern dies auch noch im vorgesehen Zeitplan zu schaffen.

Man entschloss sich daher, umgehend ein Expertenteam nach Hanoi zu schicken, das den mysteriösen Neubau einmal genauer unter die Lupe nehmen sollte. Natürlich undercover!

Die Wahl fiel auf ein erfahrenes Ermittlerduo, das in der Vergangenheit bereits unter dem Decknamen "Bernhard und Bianca" agierte. 

Als vietnamesische Touristen getarnt, flogen die deutschen Agenten nach Hanoi, um dort den Realitäts-Check am neuen Flughafenterminal zu machen.



     
Repräsentative Eingangshalle. Checked.







Kofferband. Checked.




Wartesaal. Checked.



Feuerlöschbecken. Checked.



   
Transferanschlüsse in die Innenstadt. Checked.



   
Bedauerlicherweise musste die Spionagemission an dieser Stelle abgebrochen werden.

Die vietnamesischen Sicherheitsbehörden hatten Lunte gerochen und den Verdacht geäußert, dass es sich bei den "Touristen" gar nicht um Vietnamesen handelte...

Ob das an den Koffern lag...?




Glücklicherweise reichten die gewonnenen Erkenntnisse dennoch für einen Abschlussbericht, der dann auch gleich nach Deutschland übermittelt wurde.

Kernaussage: Das neue Terminal ist nicht nur fertig - es funktioniert auch noch.

Abschlussempfehlung: Als Nachfolger für den zurückgetretenen Geschäftsführer des Hauptstadtflughafens Mehdorn sollte unbedingt ein Vietnamese eingesetzt werden.

Dienstag, 21. April 2015

KINDERLACHEN

Gar keine Frage: Kambodscha ist ein wunderschönes Land.



    
Mit einer grausamen Geschichte. 

Ende der 70er Jahre fand dort ein Auto-Genozid statt. Ein Völkermord am eigenen Volk. Die Roten Khmer ermordeten damals mindestens 2 Millionen Menschen.

Brillenträger? Des Lesens und Schreibens mächtig? Das kam einem Todesurteil gleich.
Später reichte es schon, Frau oder Bruder oder Kind eines Brillenträgers zu sein, um von den Schergen des Regimes umgebracht zu werden.

Selbst wenn man nicht in einem der berüchtigten Folterzentren landete, war das noch lange keine Überlebensgarantie.
Die Menschen wurden systematisch eingeschüchtert, unterdrückt und ausgebeutet. Familien wurden auseinander gerissen und aus ihrer Heimat vertrieben.


Fast ein Drittel der Bevölkerung Kambodschas wurde ermordet oder starb an den Folgen der Misswirtschaft und der politischen Fehlentscheidungen. Diejenigen, die überlebten, waren traumatisiert.

Über dreißig Jahre sind seitdem vergangen. Erholt hat sich das Land noch lange nicht von diesen Schreckensjahren. Auch die Menschen scheinen diese Zeit noch immer nicht überwunden zu haben: Sie sind freundlich und sehr hilfsbereit, gleichzeitig aber auch sehr zurückhaltend. 

Immer hat man das Gefühl, dass sie von einer leisen Melancholie umgeben sind. 

Das gilt sogar für die Kinder...








      
   
    
All das ging mir immer wieder durch den Kopf während der Tage, die wir in Kambodscha verbrachten...

Und vielleicht war ich deswegen so froh, als ich an einem kleinen Fluss plötzlich ein fröhliches Lachen hörte.

      



       

      
     
    

Denn da wo Kinder lachen, ist immer auch Hoffnung. 

Hoffnung darauf, dass die Zukunft der Menschen in Kambodscha unbeschwerter und glücklicher wird, als es die Vergangenheit war.


Dienstag, 14. April 2015

FEST IM GRIFF

Viele halten sie für Phantasiegebilde durchgeknallter Hollywoodregisseure. 

Wir wissen nun: Es gibt sie wirklich.


Riesige Bäume mit gigantischen Wurzel, die nichts, was sie einmal umklammert haben, jemals wieder loslassen.

Wo? In der Tempelanlage Ta Prohm/Angkor.



Doch von Anfang an.

Mühevoll hatten die Menschen dem Dschungel jeden einzelnen Quadratmeter abgerungen, auf dem schließlich das Königreich von Angkor entstand.

Als sie viele Jahrhunderte später die Gegend verließen, holte sich der Urwald zurück, was man ihm genommen hatte.

 

Dass die Tempelanlagen von Angkor Wat davon verschont wurden, verdanken sie den sie umgebenden Wasserbecken, die ein Vordringen des Dschungels verhinderten. 

Angkor Thom hatte keinen solchen wässernen Schutzwall.


Während der Jahrzehnte des Krieges und des Schreckens in Kambodscha hatte verständlicherweise niemand wirklich Sinn dafür, die Tempelanlagen um Siem Reap freizulegen und zu bewahren.
In den letzten Jahrzehnten wissen internationale Wissenschaftlern, die Bedeutung der Ruinen zu schätzen - stehen  nun aber vor einem geradezu unlösbaren Problem.

Läßt man die Bäume in den Tempelanlagen stehen, werden sie die Gemäuer über kurz oder lang zerstören. Zerquetschen - um genau zu sein.


Wagt man es hingegen, die Bäume zu fällen und das erdrückende Wurzelwerk von den Ruinen entfernen, riskierte man, dass diese vollends zusammenstürzen. 



Solange diese schwierige Frage nicht entschieden ist, genießen die Besucher einen unglaublichen Anblick und verstehen vermutlich erstmals was es heißt, wenn „die Natur zurückschlägt“…




Sonntag, 12. April 2015

DAS LÄCHELN DER MONA LISA

Wird überschätzt. Maßlos überschätzt.

Wusste ich auch nicht. 
  
Bis wir die Tempel von Bayon in Angkor besichtigt haben.







DAS ist ein geheimnisvolles Lächeln:
  

Und das.
  
   
Und das und das und das.
  


   

Und wenn man ganz viel Glück hat, dann findet man das gleiche Lächeln, das vor 1000 Jahren in Stein gemeißelt wurde, noch heute in den Gesichtern der Menschen... 

Vielleicht nicht ganz so geheimnisvoll, aber sehr sehr herzlich...








Samstag, 11. April 2015

DER FRÜHE VOGEL FÄNGT DEN WURM

Dass das leider nicht immer zutrifft, mussten wir schmerzhaft am zweiten Morgen unseres Aufenthaltes in Angkor erfahren.

Um fünf Uhr hatten wie die Kinder geweckt, notdürftig angekleidet und waren dann durch die Hotelhalle zum wartenden Tuk Tuk getappt.

Es war stockfinster. Und kalt. Die Kinder hüllten sich verschlafen in die Nemodecke (ein unerlässliches Reiseutensil, das uns seit Jahren überall hin begleitet), wir selbst zitterten in unseren viel zu dünnen Jacken.

Nach einer Viertelstunde erreichten wir Angkor Wat. Zumindest schlossen wir das trotz vorherschender Finsternis aus den unzähligen anderen Tuk Tuks, deren Rücklichter uns auf dem Parkplatz entgegenleuchteten.

Ansonsten war das gesamte Gelände in tiefe Dunkelheit getaucht.


Im schwachen Lichtschein der mitgebrachten Taschenlampen stolperten wir dem Eingang entgegen und fanden schließlich halbwegs komfortable Sitzplätze auf den Stufen eines kleinen Tempels.

Dann hieß es warten.

Auf den Sonnenaufgang.

"Ein einmaliges Erlebnis!" sagt man.

"Der Höhepunkt jeder Kambodschareise!"

„Unvergesslich."

Letzteres stimmt sogar. 

Lotta und Luis werden vermutlich nie vergessen und vor allem ihren Eltern nie verzeihen, dass wir sie vollkommen umsonst in aller Herrgottsfrühe aus dem Schlaf gerissen haben.


Es gab an diesem Morgen nämlich keinen Sonnenaufgang.

Zumindest keinen über Angkor Wat.


Was uns etwas tröstete: Wir hatten nicht alleine vergeblich gewartet. 
Außer uns standen noch etwa 500 andere enttäuscht im Morgengrau und traten etwas betröppelt die Rückfahrt ins Hotel an...



1000 MAL BERÜHRT

Italien 1987. Ich war 16. Es war Sommer.

Mit dem Lateinkurs ging es nach Neapel. Wir waren ein bunt zusammengewürfelter Haufen aus verschiedenen Klassen. Was uns einte, war die feste Überzeugung (meist die unserer Eltern), dass zwei Fremdsprachen einfach nicht genug seien. Von da war es nur noch ein kleiner Schritt und die beiden letzten freien Nachmittage in der Woche waren auch noch futsch.

Und in noch etwas waren wir uns nach wenigen Tagen gemeinsamer Reise einig: Es gab in ganz Süditalien vermutlich keine einzige Ausgrabungsstätte, keine einzige Ruine, nicht einen einzigen unter Lavamassen verschütteten und wieder ausgebuddelten Stein, den wir noch nicht gesehen hatten.

Was wiederum nicht an unserem Wissenshunger und Forscherdrang lag, sondern vielmehr der Leidenschaft geschuldet war, mit der uns Herr Kohlhoff - ein längst pensionierter Lateinlehrer und Organisator des jährlichen Trips in den Süden -  von morgens bis abends über das Ausgrabungsgelände von Pompeji und sämtlichen weiteren untergegangenen Stätten scheuchte, die in Reichweite lagen.

Da standen wir nun, vor Mauern und Gräben - wussten um das dramatische Schicksal dieser Orte und seiner Bewohner, sahen den Vesuv in der Ferne noch rauchen (oder bildeten uns das zumindest ein) - aber spätestens an den Absperrbändern und Hinweisschildern endete das Eintauchen in die Vergangenheit.

„NICHT ANFASSEN“ 

stand da in allen Sprachen der Welt, häufig mit drolligen Rechtschreibfehlern, was jedoch der Endgültigkeit des Verbots nichts anhaben konnte.


Ein Zeitsprung. 28 Jahre später. In der Nähe von Siem Reap/Kambodscha.


Drei Tage sind wir dort auf Entdeckungstour. Mit ihm - dem kambodschanischen Pendant zu James Bond:



Was kaum jemanden überraschen dürfte. Wer Reisetipps von Angelina Jolie alias Lara Croft folgt, der hat natürlich auch einen Tuk Tuk-Fahrer mit der Lizenznummer 007.


Mit Bunlays Tuk Tuk düsen wir durch das Umland von Siem Reap und begreifen zum ersten Mal, dass es mit dem berühmten Angkor Wat nicht getan ist - sondern dass es da noch viel mehr zu sehen gibt.


Angkor - das sind nicht nur die Reste einer riesigen Tempelanlage - das sind die Ruinen eines ganzen Königreichs. 




Eines, das uns nun zu Füßen liegt und das es zu Erkunden gilt.




Drei Tage lang sehen wir keine Absperrbänder, keine Wachleute, keine Schilder. 

Kultur zum Anfassen - so könnte man das wohl nennen. Und zum Draufklettern.


 
  



Kein Wunder, dass auch Lotta und Luis gar nicht genug von den Ausflügen bekommen und wir sie nur mit einem Verweis auf den tollen Pool im Hotel und die riesigen Eisportionen, die es dort gibt, wieder zurück ins Hotel locken können.