Montag, 28. Oktober 2013

DER WEG IST DAS ZIEL

Sonntagmorgen. Frühstück im Garten. Frische Brötchen. Es hätte so schön sein können. 

Doch es kam anders.

"MIST, VERDAMMTER!!!" rief Felix, als er mit Philipp ins Haus kam. Eigentlich hatten die beiden nur kurz zum Bäcker fahren wollen. Brötchen hatten sie auch dabei, aber ganz offensichtlich war Felix die Lust auf Frühstück gründlich vergangen.

"Mein Portemonnaie ist weg! So ein blöder Mist!" motzte er stattdessen. "Alle Kreditkarten! Führerschein! Vietnamesischer Ausweis! Und - das schien ihm am meisten zu ärgern - die Fotos von den Kindern und die Bildchen, die sie mir gemalt haben!!!"

Selten hatte ich Felix so außer sich gesehen.

Meine mitfühlenden - durchaus klugen - Fragen: "Wie denn? Wo denn? Und vor allem: Warum denn?" wollte er denn auch gar nicht beantworten.

"Weg eben! Ich war beim Bäcker, danach im L's Place. Da hatte ich es noch. Und dann sind wir aufs Moped und auf dem Rückweg habe ich dann gemerkt, dass das Portemonnaie weg ist."

"Also ist es aus der Tasche gefallen?!"

"Mensch, ich weiß es nicht! Es ist weg! Wir sind zurück, auch zum L's Place, aber da war es natürlich auch nicht! Jetzt muss ich erstmal alle Karten sperren. Die ganzen Fotos und die Bilder, die hatte ich da immer drin!"

"War viel Geld drin?" fragte ich vorsichtig. "Zwei Millionen. Aber das ist ja das geringste Problem!"


"Willst Du, dass ich nochmal hinfahre und danach suche?" schlug ich - noch vorsichtiger - vor.

"Wir sind doch schon alles nochmal abgefahren. Und wir waren in den Läden. Nichts! Du weißt doch, was auf der Xuan Dieu los - da findest du NICHTS wieder! Mist Mist Mist!"

Dem konnte ich schwer etwas entgegnen. Die Strasse, an der Bäckerei und Minimarket liegen, ist eine der am dichtest befahrenen in Tay Ho. Mofa reiht sich dort an Mofa und vor allem fahren dort auch viele der überdimensionierten Geländewagen...

Trotzdem: Nachdem uns dieses blöde Portemonnaie nun das ganze Wochenende vermiesen würde, wollte ich wenigstens selbst noch einmal danach gesucht haben, bevor wir es verloren gaben.

"Philipp, kommst Du noch mal mit? Du weißt, wo ihr lang gelaufen seid." Philipp schnappte sofort seinen Helm. Auch wenn sein Blick Bände sprach: VOLLKOMMEN AUSSICHTSLOS.
Die Chance, der dicken Luft im Haus zu entkommen, war zu reizvoll...

Und so düsten wir los - Richtung Xuan Dieu. Wir klapperten die Läden ab und versuchten, so gut es ging zu erklären, was passiert war. Aber ganz offenbar lag es nicht an unseren fehlenden Vietnamesischkenntnissen, sondern an der Hoffnungslosigkeit unseres Anliegens, dass niemand weiterhelfen konnte.

Am Ende landeten wir im kleinen Minimarkt L's Place und wieder schilderte ich gestenreich das ganze Drama: "my husband - his wallet  - lost - KATASTROPHE!!!"
Das Mädchen an der Kasse erinnerte sich, dass bereits Felix danach gefragt hatte, erklärte aber wie zuvor: "Nothing here. Sooo sorry!"

Ratlos standen wir im Laden. Draußen auf der Straße tobte der Verkehr. Eine Schnappsidee, hierher zu kommen.

Da drehte uns das Mädchen den Bildschirm der Computerkasse zu. Zwei Klicks und die übliche Ansicht mit den Preisen verschwand. Dafür erschienen in fast zwanzig kleinen Fenstern die Bilder der offenbar überall im und vor dem Laden installierten  Kameras. Ich sah mich selbst, ratlos vor der Kasse stehend, Philipp zwischen den Regalen.

Noch ein paar Klicks und die Bilder bewegten sich, rückwärts. Die Verkäuferin spulte noch etwas weiter zurück und da sahen wir ihn: Felix. Dort stehend, wo ich jetzt stand. Er gestikulierte, versuchte offenbar zu erklären, dass er sein Portemonnaie vermisste. Kopfschütteln der Verkäuferin und ein ratloser Felix, der den Laden wieder verließ.

Wir erklärten der jungen Frau, dass dies ja Felix' zweiter Besuch im Laden war. Hatte sie auch noch die Bilder vom Einkauf ein paar Minuten davor? Wo wir doch gerade beim Schauen waren...

Hatte sie. Wir sahen wieder Felix, wie er den Laden betrat, durch die Gänge lief und schließlich an der Kasse zahlte. "Da! Da hatte er das Portemonnaie noch! Und er hatte es in die rechte Hosentasche gesteckt." 

Nun waren wir genau so klug wie vorher: Felix hatte das Portemonnaie noch, als er den Laden verließ. Na super.

Als nächstes sahen wir in einer anderen Kameraeinstellung, wie Felix mit vollen Einkaufstüten über die Xuan Dieu ging. Zur Apotheke auf der anderen Straßenseite.

"Da! Der schwarze Punkt!" schrie Philipp plötzlich. Die Verkäuferin ließ das Band hin und herlaufen. Und tatsächlich: Wir sahen Felix - natürlich mehr einen Schatten, von dem wir wussten, dass es Felix war - und plötzlich war da ein schwarzer Punkt mitten auf der Fahrbahn.
Wieder und wieder schauten wir uns die Stelle an und es war ganz klar: Das Portemonnaie war Felix beim Überkreuzen der vielbefahrenen Straße aus der Hosentasche gefallen.

Gebannt starrten wir auf den Bildschirm. Sahen wie Felix die Apotheke betrat, sie gemeinsam mit Philipp wieder verließ und zum Moped ging. Autos düsten vorbei. Mopeds. Noch mehr Autos. Und da! Ein Schatten bewegte sich aus der rechten Bildecke auf den schwarzen Punkt zu, lief wieder zurück  - und der schwarze Punkt war weg.

Ratlos sahen Philipp und ich uns an. "Tja. Jetzt haben wir es zwar nicht wiedergefunden. Aber wir können Felix zumindest sagen, wie er es verloren hat."

Zwischenzeitlich war die Schlange wartender Kunden hinter uns immer länger geworden.

In dem Moment flitzte die Verkäuferin an uns vorbei zum Ausgang. Einen Augenblick später kam sie zurück, an der Hand einen alten Mann, der sonst immer auf der Treppe vor dem Laden sitzt. Sie zog ihn zum Bildschirm und spielte ihm die Sequenz, in der der der schwarze Punkt verschwand, vor. 

Der alte Mann geriet in helle Aufregung. Erklärte mir etwas auf Vietnamesisch und die Verkäuferin übersetzte: "He knows something. He saw everything." Aha.

In diesem Moment rannte auch der alte Mann wieder aus dem Laden.

Philipp und ich sahen uns verwirrt an. "He has seen that man!" erklärte die Verkäuferin. Was? Das konnte doch nicht wahr sein!

Nach zwei Minuten kam der alte Mann wieder in das Geschäft. Diesmal einen jungen Mann am Ärmel hinter sich her ziehend. Verkäuferin, junger Mann und alter Mann redeten hektisch durcheinander. Irgendwann fragte die junge Frau: "What is your husband's name?"

Ich schrieb den Namen in Druckbuchstaben auf einen Zettel, der neben der Kasse lag, dann sahen wir alle den jungen Mann erwartungsvoll an.
 
Der nahm der Zettel und verließ wortlos den Laden. Verkäuferin und alter Mann sahen zufrieden drein und Philipp und ich waren nun vollends verwirrt. Die Minuten verstrichen. "Das träumen wir doch wohl gerade, oder?"

Nach einer gefühlten Ewigkeit betrat der junge Mann wieder das Geschäft. 

Mit Felix' Portemonnaie in den Händen.

Philipp und ich schauten uns an  - wir konnten es nicht fassen. Ich schlug das Portemonnaie auf: ALLES NOCH DA. Papiere, Kreditkarten, Geld. Kinderbilder und - fotos.

Wir führten einen Freudentanz auf, Philipp und ich und die Verkäuferin und der alte Mann und der junge Mann!

Obwohl: letztere eigentlich erst, nachdem ich ihnen einen großzügigen Finderlohn in die Hände gedrückt hatte...

Wir bedankten uns sehr sehr herzlich bei allen, dann aber verabschiedeten wir uns hastig, rasten nach Hause, rissen die Tür auf und riefen: "Keine Karten sperren!!! Wir haben es!"

Den Rest kann man sich wohl denken. Ein überglücklicher Felix schloss erst sein Portemonnaie, dann uns in die Arme und erklärte, dass er gerade am Computer gesessen hatte, um die Karten zu sperren. Rettung in letzter Minute also.

Das - verspätete - Frühstück war dann ein ganz besonders fröhliches. Philipp und ich erzählten ausführlichst wie wir als vietnamesische Ausgaben von Miss Marple und Mister Stringer diesen aussichtlosen Fall gelöst hatten.

Und als Philipp augenzwinkernd meinte:
"Na, wenn das keine Geschichte für den Blog ist...", dachte ich:"Da hat er eigentlich recht."


1 Kommentar:

  1. Unglaubliche Geschichte! Dein Blog ist wunderbar geschrieben und sooo spannend. Beste Grüße aus der Nachbarschaft, Erna

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