Dienstag, 11. Februar 2014

"DR. NGUYEN - BITTE IN DEN OP!"


Ich persönlich mache mir ja nicht mehr viel aus Schmuck. Alle Stücke, die mir etwas bedeutet haben, sind bei dem Einbruch in unsere Berliner Wohnung vor ein paar Jahren gestohlen worden.
An einige denke ich noch heute fast täglich und trauere ihnen hinterher. Da war zum Beispiel der Ring, den Felix mir zu Lottas Geburt geschenkt hatte - den wollte ich ihr zum 18. Geburtstag schenken... 
Kitschig, aber - Mütter eben.

Seitdem investiere ich nur noch in Modeschmuck oder Freundschaftsbändchen.

Na gut, die Rolex, die die Kinder mir auf der letzten Reise nach Hoi An geschenkt haben, trage ich natürlich schon. Aber um ehrlich zu sein: Ich habe den Verdacht, dass das gar keine echte Rolex ist. Sonst hätte nämlich das Taschengeld der beiden gar nicht gereicht. 
Aber das müssen die zwei ja nie erfahren...

Eine kleine Schwäche habe ich dennoch: Perlen.

Die haben mich schon als Kind fasziniert. Wie aus etwas so Unscheinbarem wie einer Auster etwas so Zauberhaftes wie eine Perle kommen kann...


Weiß, ebenmäßig, nicht zu groß und nicht zu klein, vor allem aber ECHT sollte sie sein, die PERFEKTE PERLE.
Und so scheitern regelmäßig alle Verkaufsversuche hochmotivierter Juwelierangestellte auch an diesem kleinen Restzweifel: "Ist die Perle auch echt?" 

Nun aber los in die Ha Long Bay...


Die Tour führte uns durch ein „Floating Village“, ein schwimmendes Dorf, vollkommen versteckt in einer Bucht gelegen.   
 


Umgeben von steilen Felsen, windgeschützt und farbenfroh, aber – auf den ersten Blick erkennbar - ohne jeden Komfort für seine Bewohner.
 

Von unserem Schiff wurden wir zu einem kleinen Anleger gebracht und stiegen dort in ein kleines Ruderboot, mit dem uns eine zierliche Frau durch die ganze Bucht ruderte.


Vorbei an den Hausbooten und einer Mini-Schule für die Kinder des Village.


Und an Kähnen mit großen Lampen – mit deren Hilfe werden nachts die Tintenfische gelockt.

 
Am Ende der Tour kamen wir zu einem kleinen – natürlich ebenfalls schwimmenden – Perlengeschäft, umgeben von Austernfeldern.

  
Anders als bei deutschen Kaffeefahrten gab es hier jedoch keinerlei Kaufdruck oder gar  -zwang. Heizdecken konnte ich auch nirgendwo entdecken.

Stattdessen führte uns der Guide zu einem überdachten Eckchen auf dem schwimmenden Floß, wo ein junger Mann und eine junge Frau hochkonzentriert an einem Tisch saßen, vor sich ein Tablett mit Austern, in den Händen eine Pinzette, bzw. ein Skalpell.


Der junge Mann nahm eine der vor ihm liegenden Austern. Er klemmte sie in eine Vorrichtung und stemmte sie dann an einer Seite nur ein paar Millimeter auf. Mit einem Skalpell schnitt er eine kleine Öffnung in den Magen der Auster.
(Ich muss an dieser Stelle gestehen, dass ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal wusste, dass Austern einen Magen haben. Den schmeckt man allerdings auch nicht raus, wenn man so wie ich immer extrem viel Zitrone draufträufelt…)
Dann griff er mit der Pinzette in ein vor ihm stehendes Schälchen, in dem kleine Kugeln lagen und legte unendlich vorsichtig eine der Kugeln in den geöffneten Austernmagen..
Die junge Frau neben ihm reichte ihm ein kleines Stück Masse, das sie zuvor einer vor ihr liegenden geöffneten Auster entnommen hatte.
„Das Stück Bauchlappen der bereits geernteten Auster hilft, die Wunde im Magen der anderen Auster zu verschließen“, erklärte unser Guide.
Der junge Mann nahm den kleinen „Lappen“, steckte ihn ebenfalls unendlich vorsichtig in die Auster und schloss diese dann wieder ganz behutsam.
 

Wir hielten den Atem an. Ähnlich beeindruckt dürften die Menschen gewesen sein, die vor 40 Jahren der ersten Herz-OP von Professor Barnard bewohnen durften.

„Wir machen nun eine Zeitreise“, sagte unser Guide. „Es sind viele Monate vergangen und die Austern werden nun geöffnet, um zu sehen, ob der Eingriff erfolgreich war und eine Perle entstanden ist. Nur in etwa 30 Prozent der Austern wachsen überhaupt Perlen heran – bei allen anderen bleibt es beim Versuch!“

Der junge Mann stemmte die Auster auf und zerteilte dann mit einem Skalpell die darin befindliche Masse. 
  

Und da lag sie:  weiß, ebenmäßig, nicht zu groß und nicht zu klein und – da war ich mir sicher – vollkommen echt. DIE PERFEKTE PERLE.


Dr. Nguyen und ich wurden uns schnell handelseinig. Und fünf Minuten später hielt ich DIE Perle hübsch verpackt in einem Kästchen in meinen Händen.
Ich werde sie in einen Ring fassen lassen. Und ihn Lotta zu ihrem 18. Geburtstag schenken. 
Kitschig, aber - Mütter eben…


*Nguyen ist der mit Abstand häufigste Nachname in Vietnam. Er ist hier in etwa so häufig wie bei uns die Namen Schmidt, Schmitz, Schmitt, Bauer, Müller und Meyer/Meier/Mayer/Maier zusammen. Auch ohne dass ich den Austerndoktor nach seinem Namen gefragt habe, liege ich also mit der Vermutung, er heiße Dr. Nguyen, höchstwahrscheinlich richtig.



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